Stellungnahme zur Landratswahl im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt
Am Samstag, 30. Mai 2026, organisierten die „Omas gegen Rechts“ Saalfeld-Rudolstadt eine Kundgebung auf den Saalfelder Fischmarkt unter dem Motto „Nein zur Wahl eines AfD-Landrats“. Dabei wurde auch die folgende Stellungnahme des Fördervereins verlesen.
Am 7. Juni sind die Einwohner:innen des Landkreis Saalfeld-Rudolstadt zur Wahl des Landrats aufgerufen. Dabei tritt auch der aktuelle kulturpolitische Sprecher der Thüringer Landtagsfraktion der AfD, Thomas Benninghaus an. Als Verein zur Förderung der Erinnerung an das Konzentrationslager Buchenwald können wir diesen Kandidaten nicht unkommentiert lassen.
Unser Verein gründete sich im Jahr 1996 in Weimar mit dem Ziel, die Arbeit der Gedenkstätte Buchenwald und der politischen Entscheidungsträger aus zivilgesellschaftlichem Engagement heraus kritisch zu begleiten. Unsere Vereinsmitglieder kommen aus allen gesellschaftlichen Milieus, weit über Weimar und Deutschland hinaus. Uns eint das gemeinsame Anliegen der kritischen Erinnerungskultur um „Buchenwald“ und seines Netzes von Außenlagern als eines der zentralen Gesellschaftsverbrechen des Nationalsozialismus. Nach unserem Verständnis „Buchenwald war überall“, erkennen wir die Verantwortung der deutschen Gesellschaft an, für eine kritische Aufarbeitung und würdige Erinnerung überall dort einzutreten, wo die Nationalsozialisten und ihre Unterstützer Menschen zu Opfern machten.
Menschen wie Karl Kehrmann, an den heute in Rudolstadt ein Stolperstein erinnert. Kehrmann, ausgeliefert an die SS, durch aktive Ausgrenzung und Stigmatisierung, ebenso wie passive Entsolidarisierung und Gleichgültigkeit, kam zwei Mal nach „Buchenwald“. Erstmals im Rahmen der Novemberpogrome 1938 und erneut im Januar 1942. Schließlich ermordeten ihn SS-Ärzte im März 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg.
Wer wie Thomas Benninghaus im Thüringer Landtag behauptet, es würden „goldene Steine“ für „Kriegsopfer“ verlegt, verkennt, dass diese Stolpersteine weder aus Gold sind, noch, dass sie Kriegsopfer betreffen und dass sie eben aus zivilgesellschaftlicher Initiative heraus verlegt werden. Benninghaus diffamiert mit seiner Aussage sowohl die Menschen, die sich für eine Sichtbarmachung und würdige Erinnerung im Heute einsetzen, viel mehr noch trifft er damit aber die Würde der Betroffenen.
Karl Kehrmann war ebenso wenig ein „Kriegsopfer“ wie die 11 polnischen Männer, die die SS am 19.12.1941 aus Buchenwald nach Bechstedt brachte, um sie vor der Anwesenden Bevölkerung und den vor Ort eingesetzten Zwangsarbeitern als „Exempel“ zu erhängen oder die über 2600 Männer, die die SS zur oft tödlichen Zwangsarbeit in das „Außenkommando Laura“ in Lehesten deportierte, um sie Waffen für den Vernichtungskrieg produzieren zu lassen. Sie alle waren Opfer einer völkischen Politik.
Wer wie Thomas Benninghaus Kranzschleifen zum 27. Januar ablegt, mit der Aufschrift „Nie wieder Faschismus“, ohne den völkischen Kern faschistischer Ideologien zu benennen meint es nach unserer Wahrnehmung nicht aufrichtig mit seinem Gedenken. Denn wer wie Thomas Benninghaus gleichzeitig ein „ehrendes Gedenken“ für im Krieg gefallene deutsche Soldaten fordert, verwischt die Grenze zwischen legitimer persönlicher Trauer um verstorbene Angehörige und pauschaler Rehabilitierung einer verbrecherischen Armee.
Wer wie Thomas Benninghaus weiterhin behauptet, dass Gedenkstättenmitarbeiter:innen in diesen Fragen einem staatlichen „Neutralitätsgebot“ unterworfen seien, fordert letztlich, dass sie ihrem Auftrag der kritischen Aufarbeitung und Aufklärung über die völkische Ideologie des Faschismus nicht mehr nachkommen sollen.
Erinnerungskultur muss ein demokratischer Aushandlungsprozess bleiben, ebenso wie historische Forschung und Vermittlung ohne parteipolitische Einflussnahme eine wesentliche Errungenschaft des demokratischen Systems der Bundesrepublik sind.
Wie demgegenüber eine offizielle, parteipolitische, „um 180° gewendete Erinnerungskultur“ der AfD aussehen könnte bereitet uns große Sorge, in Saalfeld-Rudolstadt ebenso wie in den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, da sie offenkundig die Opfer des Nationalsozialismus durch falsche Gleichsetzungen erneut zu entwürdigen sucht.
Wir schließen uns daher dem Aufruf der „Omas gegen Rechts“ in Saalfeld-Rudolstadt unbedingt an.
Nein zu Geschichtsrevisionismus und zur Normalisierung von völkischem Denken.
Nein zu einem AfD-Landrat in Saalfeld-Rudolstadt.
Der Vorstand des Förderverein Buchenwald e.V.